Damals lachte ich über seine schlagfertige Bemerkung. Heute ist mir das Lachen vergangen.
Wie diese Zahlen zeigen (und Facebook bestätigt), sind die Philippinen der Ground Zero für die folgenschweren Auswirkungen, die soziale Medien auf die Institutionen eines Landes, seine Kultur und das Denken seiner Bevölkerung haben können.
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Jede Entwicklung, die in meinem Land stattfindet, erreicht irgendwann auch den Rest der Welt – wenn nicht morgen, dann in ein oder zwei Jahren. Bereits 2015 gab es Berichte über regelrechte Account-Farmen, die von den Philippinen aus telefonverifizierte Social-Media-Accounts (phone-verified accounts,
kurz: PVAs) erstellten. Im selben Jahr zeigte ein Bericht, dass die meisten Facebook-Likes von Donald Trump außerhalb der Vereinigten Staaten geklickt wurden und dass einer von siebenundzwanzig Trump-Followern auf den Philippinen lebte.
An manchen Tagen fühle ich mich wie Sisyphus und Kassandra in Personalunion, in meinem Versuch, die Welt immer wieder vor den Auswirkungen der sozialen Medien auf unsere gemeinsame Realität zu warnen, den Ort, an dem Demokratie stattfindet.
Dieses Buch ist mein Ansatz dazu aufzuzeigen, wie verheerend das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit in der virtuellen Welt ist. Es gibt nur eine Realität, und der weltweite Zusammenbruch der Rechtsstaatlichkeit wurde durch das Fehlen einer demokratischen Vision für das Internet im 21. Jahrhundert eingeleitet. Mangelnde Strafverfolgung im Internet führte logischerweise zu ihrem Pendant in der Offline-Welt, wodurch die bestehenden Kontrollinstanzen ausgehebelt wurden. Was ich in den letzten zehn Jahren beobachtet und dokumentiert habe, ist der Aufstieg einer fast gottgleichen Macht der Technologie, die ermöglicht, dass ein Lügenvirus jeden von uns infiziert, uns gegeneinander ausspielt, Ängste, Wut und Hass schürt und den Aufstieg autoritärer Machthaber und Diktatoren in aller Welt beschleunigt.
Ich nannte es den »Tod der Demokratie durch tausend Schnitte«. Gerade die Plattformen, die für uns wichtige Nachrichten liefern, enthalten uns Tatsachen vor. Schon 2018 zeigten Studien, dass sich Lügen, die mit Wut und Hass verbunden sind, schneller und weiter verbreiten als Fakten.
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Ohne Fakten aber gibt es keine Wahrheit. Ohne Wahrheit gibt es kein Vertrauen. Ohne alle drei haben wir kein gemeinsames Verständnis von Realität, und die Demokratie, wie wir sie kennen, wird sterben – und mit ihr alle bedeutsamen menschlichen Bestrebungen.
Ehe es so weit kommt, müssen wir handeln. In diesem Buch möchte ich nicht nur die Werte und Grundsätze des Journalismus und der Technologie erkunden, sondern auch der kollektiven Maßnahmen, die wir ergreifen müssen, um den Kampf um die Wahrheit zu gewinnen. Diese Entdeckungsreise ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Deshalb gibt es in jedem Kapitel einen Mikro- und einen Makroteil: eine individuelle Lektion und das große Ganze. Sie werden erkennen, dass ich häufig an einfachen Gedanken festhalte, um Entscheidungen zu treffen, die im Laufe der Zeit instinktiv, aber gleichermaßen wohlüberlegt gefällt worden sind, während sich immer neue Erfahrungen gegenwärtiger Augenblicke der Vergangenheit überlagern.
Im Jahr 2021 wurde ich als eine von zwei Journalisten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das letzte Mal, dass ein Journalist diesen Preis erhalten hatte, war im Jahr 1935. Der Preisträger, ein deutscher Reporter namens Carl von Ossietzky, konnte die Auszeichnung damals nicht entgegennehmen, weil er in einem Konzentrationslager der Nazis gefangen war. Indem das norwegische Nobelpreiskomitee mir und dem Russen Dmitrij Muratow diese Ehre zuteilwerden ließ, signalisierte es, dass sich die Welt an einem ähnlichen historischen Wendepunkt befand, einem weiteren für die Demokratie existenziellen Punkt. In meiner Nobelpreisrede
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sagte ich, dass in unserem Informationsökosystem eine unsichtbare Atombombe explodiert sei, und damit meine ich die Technologieplattformen, die der geopolitischen Macht die Möglichkeit geben, jeden Einzelnen von uns zu manipulieren.
Nur vier Monate nach der Nobelpreisverleihung marschierte Russland in die Ukraine ein – und nutzte dabei Metanarrative, die es seit 2014 über Online-Propaganda
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verbreitet hatte, als es die Krim überfallen, annektiert und dort einen Marionettenstaat errichtet hatte. Die Taktik? Informationen unterdrücken und sie dann durch Lügen ersetzen. Indem sie mit ihrer kostengünstigen digitalen Armee brutal gegen die Tatsachen vorgingen, löschten die Russen die Wahrheit aus und ersetzten das zum Schweigen gebrachte Narrativ durch ihr eigenes – nämlich, dass sich die Krim willentlich der russischen Kontrolle unterworfen habe. Die Russen erstellten gefälschte Online-Konten, setzten Bot-Armeen ein und nutzten die Schwachstellen der Social-Media-Plattformen, um echte Menschen zu täuschen. Für die in amerikanischem Besitz befindlichen Plattformen, die neuen Informationshüter der Welt, führte all dies zu erhöhter Aktivität und brachte somit mehr Geld ein. Die Ziele der Gatekeeper und der Desinformanten stimmten somit überein.
Damals erkannten wir erstmalig die Taktiken der Informationskriegsführung, die schon bald weltweit zum Einsatz kommen sollten. Acht Jahre später, am 24. Februar 2022, überfiel Wladimir Putin mit denselben Techniken und denselben Metanarrativen, die er bei der Annexion der Krim angewandt hatte, die Ukraine.