Bevor ich überhaupt auf deinen Reisebericht durch die vielfältige Landschaft der Psyche eingehe, muss ich meine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, die zweite Etappe gänzlich verschlafen zu haben. Was mich einerseits verwunderte, da ich ihrem Ablauf gespannt entgegenblickte, andererseits mir meiner längst gegenüber der gebotenen Sachlichkeit emanzipierten Schludrigkeit bewusst bin.
Die daraus sich erschließende Konsequenz – viel Text am frühen Morgen. Da ich zuvor bereits den Blätterwald der Tagespresse durchwandert habe, war die notwendige Betriebstemperatur der Sinnesorgane längst erreicht. Daher sollte es mir gelingen, einige Gedanken über dein »Alter Ego« (auch Markus zu nennen) in Worte zu fassen.
Da nicht vollkommen realitätsfern, verweile ich beim Rad- oder Motorsport und hangele mich durch die verschiedenen Etappen. Der von herausfordernden Aufstiegen und riskanten Abfahrten geprägte 2. Teilabschnitt bringt deutlich zum Vorschein, wie viel Überwindung es braucht, sich einer solchen (ich nenne es jetzt einmal) Tortur zu stellen. Der unvoreingenommene (allerdings auch unbelastete) Betrachter am Wegesrand zollt dieser Leistung Respekt, könnte aber auch nachvollziehen, wenn der Hauptakteur den „Krempel“ hinschmeißt und sich die Frage nach Sinn und Zweck stellt.
Im Schlussabschnitt und nach Überquerung einer vorläufigen Ziellinie, wo der Geschundene zum Kommentator wird und ältere Wegstrecken aus einer neuen Perspektive betrachtet, kann als Hoffnungsschimmer wahrgenommen werden, dem allerdings kein Garantieschein beigelegt wurde. Die Vergangenheit auf Rezept als Schreibtherapie ist nicht jedermanns Sache. Kein Korb könnte die Ausmaße aufweisen, um das geknäulte Papier aufzunehmen, welches ich dort zu verschrotten hätte.
Aber ... (Hier wäre jetzt der Platz für alte Volksweisheiten.)
Die zukünftigen Etappen sollten unbedingt auch flachere Wegstrecken vorweisen!
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Vielen Dank für deine ausführliche Reflexion – du hast eine Perspektive eröffnet, die mir so noch nicht begegnet ist.
Die Metapher des Rad- oder Motorsports passt erstaunlich gut. Diese Reise war (und ist) kein gleichmäßiges Dahingleiten auf einer sonnigen Landstraße, sondern eine Strecke voller unerwarteter Steigungen, riskanter Abfahrten und Momente, in denen man sich fragt, ob man das Rad nicht einfach in die Ecke stellen sollte. Ich kann daher den Blick des "unbelasteten Beobachters am Wegesrand“ gut nachvollziehen – und zugleich weiß ich, dass das Weitermachen oft weniger mit einem klaren Ziel als mit einer inneren Notwendigkeit zu tun hat.
Dein Bild vom Kommentator, der auf zurückgelegte Wegstrecken blickt, trifft es ebenfalls. Mit Abstand sieht vieles anders aus. Man erkennt Muster, die man vorher nicht bemerkt hat, entdeckt Sinn in Dingen, die zunächst willkürlich erschienen. Aber ja, wie du sagst: Ein "Garantieschein“ für den weiteren Weg liegt nicht dabei – vielleicht ist das auch gut so.
Was das Schreiben betrifft: Ich verstehe vollkommen, dass diese Art der Reflexion nicht für jeden funktioniert. Der symbolische Papierkorb voller zerrissener Seiten ist mir nicht fremd – er stand eine lange Zeit in meinem Kopf. Dass aus einem einzelnen Brief schließlich ein Buch wurde, war keine geplante Entwicklung, sondern eher eine Folge davon, dass sich die Gedanken auf diese Weise ihren Weg bahnen wollten.
Und was die zukünftigen Etappen betrifft: Ich nehme deinen Wunsch nach flacheren Wegstrecken als Anregung mit. Vielleicht gibt es sie bereits, nur in anderer Form – weniger spektakulär, aber dennoch spürbar. Denn manchmal ist die größte Herausforderung nicht der steilste Anstieg, sondern das Gehen auf ebenem Boden, ohne das Gefühl für Richtung zu verlieren.
Nochmals danke für deine Worte – sie haben mir neue Blickwinkel auf meinen eigenen Text eröffnet.
Ob als Reaktion auf einen mir zugreifbaren Text mehr oder weniger Wörter zum „Freigang“ eingeladen werden, hängt stets davon ab, wie intensiv nicht nur meine Denkwerkstatt, sondern auch das Kopfkino einbezogen wird. Was deine Inszenierung für die literarische Bühne betrifft, scheinen alle fesselnden Elemente ihren Aufgaben gerecht geworden zu sein.
Möchte ich den erwähnten Bildern im Kopf gänzlich aus dem Weg gehen, dann nehme ich mir den Haushaltsplan von Recklinghausen vor. Leicht verdauliche Kost und ganz ohne Nebenwirkungen. 😉
Eine kurze Anmerkung noch zu dem intimen Gedankenaustausch mit den Wunden der Vergangenheit. Die Gefahr ist nicht von der vernarbten Tischplatte zu wischen, dass es dabei zu einer Abrechnung kommen kann. Dann sind allerdings Turbulenzen im großen Stil angesagt.🤔
Es freut mich, dass meine Inszenierung dein Kopfkino wieder in Gang gesetzt hat – und dass sie ihre Wirkung nicht verfehlt hat. Ich nehme das als großes Kompliment!
Was den Haushaltsplan von Recklinghausen betrifft – ich erinnere mich, dass dieses Thema schon einmal eine ganz andere Erinnerung bei mir geweckt hat. Interessant, wie Worte manchmal Wege zurück zu alten Geschichten finden. Vielleicht ist es genau das, was Reflexion mit uns macht – sie führt uns nicht nur auf neue Gedankenpfade, sondern manchmal auch dorthin zurück, wo wir nicht mehr gesucht haben.
Deine Anmerkung zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit trifft einen wichtigen Punkt. Es ist ein Balanceakt: sich den alten Wunden zu nähern, ohne in ihnen hängen zu bleiben. Die Grenze zwischen Reflexion und Abrechnung ist manchmal fließend – und ja, wenn Letzteres überwiegt, kann es stürmisch werden. Vielleicht geht es genau darum: nicht zu leugnen, was war, aber auch nicht darin steckenzubleiben.
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